Dienstag, 21. März 2017

Hundehaltung früher und heute

Als ich noch ein Kind war, war mein größter Wunsch einen eigenen Hund zu haben. Ich stellte mir vor, ich wäre Georg, von den fünf Freunden und hätte einen Hund namens Timmy, der mich überall hin begleitet. Nartürlich erlebte ich mit ihm und meinen Freunden die tollsten Abenteuern. Er war ein wahrer Held auf vier Pfoten und wir gingen zusammen durch dick und dünn. So wie in den Geschichten von Enid Blyton eben.

Es dauerte ungefähr zwölf Jahre und einen Umzug in ein Haus mit großem Garten, bis mein Wunsch  in Erfüllung ging. Dann endlich zog Charly bei uns ein, ein reinrassiger Kleiner Münsterländer Welpe. Wunderschön, sanftmütig, laut und jagdfreudig.

Charly, mein erster Hund.




Hund sein in den 80er Jahren

Charly kam von einem Züchter, nicht weit von unserem Wohnort entfernt. Ein Hund aus dem Tierheim zu holen, war damals (in den 80er) keine Option. Tierheime waren nur dazu da Hunde dort abzugeben.  Tierheimhunde waren alle gefährlich, krank oder hässlich, so die weitverbreitete Meinung.

Meine Eltern fuhren also mit mir und meiner kleinen Schwester in die edle Zuchststätte im Bergischen Land. Ich erinnere mich noch an eine Art Stall, in dem viele Hundewelpen verschiedener Rassen auf ihre eigene Familie warteten. Die Kleinen wuselten aufgeregt um uns herum, einige neugierig und mutig, andere scheu und zurückhaltend. Einer süßer als der andere. Ich hätte mich nicht entscheiden können.

Zum Glück musste ich das auch nicht, denn einer der Welpen lief sofort zu meiner Mutter hin. "Guck mal, der kleine hat sich seine Mama schon ausgesucht", meinte mein Vater begeistert. Meine Eltern wussten nicht (und wissen es auch jetzt noch nicht, denn die Geschichte hält sich bis heute), dass fast jeder Hundehalter behauptet, der Hund hätte ihn ausgesucht und nicht umgekehrt. Zum Glück wusste dass auch meine Mutter nicht, die eigentlich lieber keinen Hund gehabt hätte, und so war es um sie geschehen.

Die Übernahme von Charly wurde vertraglich geregelt. Schließlich handelte es sich um einen Hund von Welt,  mit Stammbaum und edlem Namen. Nurmu vom Irlerhof hieß der kleine Kerl damals noch. Wir kauften direkt noch Leine und Halsband, einen Napf und eine Tüte Welpenfutter und fuhren glücklich nach Hause. Für mich war das einer der schönsten Tage in meinem Leben. Endlich hatte ich einen Hund.

Es war geplant, dass Charly meinen Vater jeden Tag in seine Firma begleiten sollte. Wahrscheinlich ist mein lieber Papa davon ausgegangen, dass der Hund von morgens bis abends in seinem Körbchen unter dem Schreibtisch liegt und schläft. Es braucht nicht viel Phantasie um zu beschreiben, wie die Sachte ausgegangen ist. Schon bald verbrachte Charly seine Tage bei meiner armen Mutter zu Hause, die wie schon gesagt, eigentlich lieber keinen Hund gehabt hätte. Verständlich, wenn man bedenkt, am wem die meiste Arbeit meiostens  hängen bleibt.

Aber zu Hause war es auch nicht schlecht. Charly durfte im Garten spielen und wurde dreimal täglich Gassi geführt. An der kurzen Leine versteht sich. Schließlich war Charly rassebedingt mit ordentlich jagdtrieb ausgestattet.  Von einem Antijagdtraining hatte damals noch niemand etwas gehört, Niemand ging mit seinem Hund in die Hundeschule, Schleppleinen kannte man auch nicht wirklich.  Entweder der Hund hört oder eben nicht. Da kann man halt nichts machen.

Überhaupt war es mit der Erziehung des Hundes nicht weit her. Das einzige Kommando, dass Charly kannte und an das ich mch erinnern kann, war "sitz". Keine Ahnung wer von uns ihm das beigebracht hatte und wie er es gelernt hat. Für meine Familie reichte es völlig aus. Es ist auch nie wirklich aufgefallen. Meine Familie war diesbezüglich weiß Gott keine Ausnahme. Die meisten anderen Hunde konnten auch nicht mehr.

Da Charly gerne und viel gebellt hat, konnten wir ihn nicht wirklich gut mitnehmen. In den Ferien musste er zu Hause bleiben, im Restaurant war er ein einziges Mal. Er hat sich so daneben benommen, dass meine Mama sich schlicht geweigert hatte, jemals wieder ein Restaurant mit dem Hund zu betreten, so peinlich war ihr das. Einzig ich nahm ihn manchmal mit zu Freunden. Ich war halt gerne mit ihm unterwegs. Als ich älter wurde und meinen Führerschein hatte, setzte ich ihn  hinten ins Cabrio meiner Mutter und fuhr mit ihm durch die Gegend.

Doch wer nun denkt "der arme Hund", dem sei heftigst widersprochen. Ich glaube nicht, dass Charly ein unglücklicher Hund war. Er wurde geliebt, hatte Gesellschaft und Auslauf, einen riesegroßen Garten, den Nachbarshund zum Freund und sogar eine eigene Katze. Und wenn er krank war, fuhren wir mit ihm zum Tierarzt. Genug zu Fressen  hat er natürlich auch bekommen - Dosenfutter aus dem Supermarkt versteht sich. Von BARF hatte früher nie jemand was gehört und Fressnapf, Futterhaus und Co. gab es schlicht nicht.  Genausowenig wie Hundebademäntel, orthopädische Hundebetten oder biologisch unbedenkliches Spielzeug. Als wir ihn im Alter von zwölf Jahren gehen lassen mussten, weil der Krebs sich in seinem Körper breit gemacht hatte, waren wir alle bei ihm. Mein Vater hat ein großes Loch unter dem schönsten Baum im Garten gegraben, meine Omi pflanzte später Blümchen darauf.


Und heute?

Heute wäre Charly  wahrscheinlich gar nicht in unserer Familie gelandet. Schließlich sind wir keine Jäger und Münsterländer werden heute fast nur noch an Jäger abgegben.Wahrscheinlich hätten sich meine Eltern auch mehr Gedanken über die Rasse des zukünftigen Familienhundes gemacht. Man muss schon wissen, was es heißt einen jagdlich ambitionierten Hund an seiner Seite zu haben. Vielleicht hätten sie sich für einen modischen Retriever entschieden.  Wahrscheinlicher ist, dass sie ins nahegelegene Tierheim gefahren wären, um einen der armen Hunde aus Spanien, Griechenland oder Rumänien zu adoptieren.  Sicherlich wären meine Mutter und ich mit dem Hund in die Hundeschule gegangen. So hätte er mehr an unserem Alltag teilnehmen können und dürfte auch mal ohne Leine laufen - oder doch wenigstens an der Schleppleine. Seine Ernährung wäre ausgewogener und gesünder gewesen, er hätte mehr Kontakt zu Artgenossen gehabt und wir hätten ihn mit in den Urlaub genommen. Sicherlich würde er mehr an unserem Leben teilnehmen.

Aber heißt das jetzt, dass früher ALLES schlechter war?

Bevor Charly bei uns einzog, kreuzten viele Hunde meinen Weg. Meine Oma und meine Großtante hatten jeweils einen schlecht erzogenen, hysterischen und fürchterlich frisierten Pudel. Sie hießen Rowdy und Gipsy und waren aus einem Wurf. Sie hatten schicke Halsbänder, wahrscheinlich waren auch Glitzersteinchen darauf, ich erinnere mich nicht mehr genau, und wurden dreimal täglich von den Damen  eine Runde "um den Block" geführt. Gipsy biss mich als kleines Kind mal in die Wange. Wäre das heute passiert, wären wir womöglich beide auf der Titelseite der  Bildzeitung gelandet. Womöglich hätten man den armen Pudel eingeschläftert oder wenigstens abgegeben. Damals war das nicht der Rede wert. Ich bekam eine Auffrischung meiner Tetanusimpfung-meine Oma bestand darauf-und die Sache war erledigt. Der Foxterrier meiner Freundin hat einen Klassenkameraden in den Allerwertesten gezwickt. Die Mutter meiner Freundin flickte die kaputte Hose noch vor Ort und sagte ihm, er solle froh sein, dass er sich nicht umgedreht hat, dann wäre die Sache für ihn weitaus schlimmer ausgegangen.  Wir lachen noch heute über die Geschichte.

Als ich gerade elf war und noch keinen eigenen Hund hatte, durfte ich regelmäßig den Hund unseres Nachbarn ausführen. Gino war ein Rottweiler, der den ganzen  Tag im Zwinger verbringen musste. Er tat mir so leid, dass ich einfach nicht anders konnte. Ich bin wann immer ich Zeit hatte mit ihm losgezogen. Ich kann mich an keine brenzlige Situaton erinnern. Heute muss man volljährig sein und einen Sachkundenachweis haben, um einen solchen Hund zu führen.

Es gab keine Agility-, Dogdance oder Mantrailingkurse, keine Hundeboutiquen mit überflüssigem und sündhaft teueren Hundeaccessoires. Keine Hundepsychologen, -physiotherapeuten oder Hundeernährungsexperten. Keine Verordnungen, Gesetze und Anzeigen. Niemand kam auf die Idee für seinen Hund Gemüse aus biologischem Anbau zu kaufen und kleinzuraspeln. Hunde hatten auch keine Kindernamen wie Paul oder Lilly sondern hießen noch Rex oder Bello. Hunde waren halt Hunde und das war auch gut so. Niemand machte sich viele Gedanken um Erziehung, Ernährung oder Beschäftigung. Sie liefen halt so mit, gerade so wie sie es konnten und wie es für die Familie passte. Es war bestimmt nicht alles besser als heute - aber es war wesentlich entspannter.


und Cosmo 
(das bestversorgte Mitglied unserer Familie)





1 Kommentar:

  1. Ich muss zugeben, auch ich vermisse manchmal den "einfachen" Umgang mit Hunden - manche Vierbeiner im Bekanntenkreis haben mehr Termine als ich :)
    Bei uns sind die Hunde auch eher Familienmitglied und laufen teilweise einfach so mit. Natürlich dürfen sie nicht alleine Spazierengehen - aber ob sie schlafen oder sich bewegen wollen, im Wohnzimmer oder lieber in der Küche sein wollen ... das dürfen sie selbst entscheiden. Ich kaufe unsere Leinen und ähnliches nach Funktionalität und nicht nach Design, Futter gibt es sehr Unterschiedliches – auch Rest von uns- und unsere Hunde haben keine orthopädischen Hundebetten, sie suchen sich schon die für sie bequemen Plätze aus. Wir gehen gerne mit unseren Hunden lange spazieren, aber wenn die Zeit mal knapp ist, dann reicht auch eine kurze Runde zum Erledigen der wichtigen Dinge … und ich habe deswegen kein schlechtes Gewissen.
    Ich bin der Meinung, manchmal wäre etwas weniger auch etwas mehr. Sehr schöner Beitrag.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Damon und Cara

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